Cambridge und London

 
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Zu Besuch bei Richard III

von Catalina de Zaragoza, Wolf von Cleve und Alessandra Di Riario d’Aretino

Der SCA Shire of Flintheath lud zu seinem alljährlichen Yule Ball im wunderschönen Buckden Towers, einem Palast dessen Anfänge ins 12. Jahrhundert zurückgehen.  Damals gehörte es dem Bischof von Lincoln; im späten 15. Jahrhundert wurden die Holzgebäude durch massive Steinbauten ersetzt und ein hoher Turm hinzugefügt. In diesen Mauern hielten sich denn auch so bekannte Figuren der englischen Geschichte auf wie Richard III, Queen Katherine of Aragorn und später Henry VIII mit seiner fünften Frau Catharine Howard.  Geschichte zum Anfassen, zum Erleben und zum Feiern!

Buckden_Towers

This picture by Robert Edwards, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2648131

Unsere Anreise war ganz und gar nicht historisch; mit dem Flieger ging es schnell und einfach nach London Heathrow, von dort mit der Tube zu King’s Cross Station (Geheimtipp: dort hat es einen leckeren Open Air Bio Markt – jedenfalls an diesem Freitag) und dann weiter mit dem Zug bis Huntingdon, von wo uns ein Taxi günstig bis vor die Tür brachte. Das Event Team war schon vor Ort; wir bezogen unser Zimmer und genossen bei Kaffee und Scones das schöne Gefühl, bei Freunden angekommen zu sein.

In vieler Beziehung hat sich das Gebäude in den letzten 550 Jahren kaum verändert; selbst die Innenräume sind bei allen modernen Ein- und Umbauten noch deutlich in ihrer alten Form zu erkennen. Mit etwas historischem Wissen und Phantasie entstehen vor dem inneren Auge sofort die Damen und Herren von Adel und ihre Bediensteten, in passender Gewandung die engen Steintreppen überwindend oder in den Gängen wandelnd. Jede Tür und jeder Stein könnte hier Geschichten erzählen.

Der Freitagabend ist der Anreise und entspannter Geselligkeit gewidmet. Ein leichtes Abendessen vom Buffet ist für die Einheimischen wahrscheinlich „essen wie immer“, aber der Vegetarier im Team fühlt sich im siebten Essenshimmel – so viele Sorten Käse und das Brot frisch aus dem Ofen. Unser Fleischesser macht sich inzwischen über die diversen Fleischtöpfe her und ist froh, sich nicht für einen entscheiden zu müssen. Inzwischen sind auch die Musiker angekommen, das Feuer im Kamin brennt hell und die bunt behangenen Mauern erinnern sich und uns an alte Zeiten.

musiciansAm Morgen wartet bereits ein ausgiebiges „English breakfast“ auf die Gäste, die es sich in der Halle bequem machen.  Doch nicht lange, denn Programm steht auf dem Plan. Um 9.30 Uhr Greenwich geht es los; in der Halle wird getanzt und draußen gilt es, beim Fechten den Stechpalmenkönig zu krönen. An Heavy Fighters fehlte es leider diesmal; die Nasenpest hatte sie fest in ihrem Bann. Dafür war genug Zeit und Interesse an Bogenschießen, diversen A&S Programmen, darunter dem Bemalen von Glas, sowie der immer wieder beliebten A&S Wettbewerbs, der sich aber in schwierigem Wettbewerb mit dem Probetrinken der Gilde der Brauer befand. Vor dergleichen Schwierigkeiten kapituliert aber kein echter SCAdian, so dass kurzerhand für beide Projekte Gewinner gesucht und gefunden wurden. Frisch gestärkt vom Mittagessen war es auch überhaupt nicht zu kalt, um Court zu halten im alten Garten – einem Tudor Knotengarten, der heute noch so beeindruckend ist wie damals. Das Prinzenpaar von Insulae Draconis ganz im Stil ihrer echten, noblen Vorfahren!

Mit vorrückender Dunkelheit zog man sich langsam zurück und um, denn zum Abendprogramm mit Theaterstück, Festessen in zwei Hallen und anschließendem Ball wollte das Beste ausgepackt und vorgezeigt werden. In der folgenden halben Stunde war die Halle der Ort einer . . . kreativen Neuinterpretation . . .  der Geschichte mit einigen Randbemerkungen für die Moderne – ein imposanter Henry VIII, ein James I, der zu Weihnachten von drei Geistern belästigt wurde, während er seine Bibelübersetzung fertigstellt, ein aggressiver Edward Longshanks, ein kriecherischer päpstlicher Gesandter, eine unternehmungslustige Hexe mit Zeitreisefähigkeiten, ein unfähiger Meuchler, ein Papst im hastig erstellten roten Hut, der die Begriffe „Gott“ und „Vater“ umdefinierte und ein neuer SCAdian – nennen wir es die Reduzierte Theatergesellschaft von ID (kann für ein, zwei Gläser Burgunder und ein königliches Versprechen  – im Voraus – den Autor nicht hinzurichten, angeheuert werden).

Die Küche im Keller von Buckden hatte schwer gearbeitet; auch die Vegetarier kamen nicht zu kurz. Im Kerzenschein wurden dann noch die Wichtelgeschenke verteilt, bevor der Aufruf an alle ging, sich zu den Klängen der Musik am Black Alman zu beteiligen, wie er wohl in den Jahren von Buckden Tower’s größter Popularität hier getanzt wurde.

Sonntagmorgen stand leider ganz im Zeichen einer pünktlichen Abreise, denn Verkehrsbehinderungen waren vorhergesagt. Alle Frühstücksgäste packten noch mit an, so dass wir auch bald bei unserer lieben Gastfamilie ankamen, die uns am nächsten Tag auch nach London zurückbringen würde. Doch der Tag war noch jung und es zog uns nach Cambridge, die Stadt zu erkunden. Das Abenteuer begann fast vor der Haustür, als wir in den „Guided Bus“ einstiegen – eine geniale Idee, denn diese Busse fahren auf ehemaligen Bahnstrecken, die man nach der Entfernung der Gleise so umgebaut hat, dass eben nur diese Busse darauf fahren können und dürfen. Freie Fahrt bis nach Cambridge, wo der Bus sich dann wieder in den normalen Verkehr eingliedern musste. Uns hielt es aber nicht lange im Bus; kaum hatten wir die „Round Church“ passiert, hieß es Geschichte erleben.

cambridge licenseDie Round Church wurde im Jahr 1130 gebaut nach Vorbild der Auferstehungskirche in Jerusalem und gilt als eine der ältesten Kirchen Englands. Eine Art Aachener Dom im Handtaschenformat, wenn auch lange nicht so prunkvoll. Romanisch geprägt und wunderschön. Die Dia-Show im Innern führt uns in die Geschichte von Cambridge ein, dessen Besiedlung durch seine Lage am Fluss Cam (Cam-bridge) mit Verbindung zu Meer bis vor die Zeit der Römer zurückgeht. Besonders berühmt ist die Stadt natürlich für ihre vielen, altehrwürdigen Colleges und beeindruckenden Kirchen, die wir voller Staunen zumindest von außen betrachten konnten.

Wir machten unsere eigene Führung durch die Stadt und endeten in einem wunderbaren Pub, das nicht nur gutes, sondern auch vegetarisches Essen anbot. Wer schon lange nicht mehr in England war, dem sei ein neuer Versuch empfohlen – Jamie Oliver hat gute Dienste geleistet, sagt man mir, das Essen war überall frisch, abwechslungsreich und trotzdem durch und durch englisch. Einzig die öffentlichen Verkehrsmittel enttäuschten uns; nach 18.30 fuhr nichts mehr und unsere Freunde mussten uns abholen.

Am nächsten Tag ging es dann nach Heathrow, aber da unser Flieger erst am Abend abheben würde, hatten wir gerade noch genug Zeit, dem Tower of London einen lange überfälligen Besuch abzustatten. Wir kamen gerade noch rechtzeitig zur letzten Führung der Yeoman Warder, besser bekannt als „Beefeater“. Bei ihnen kommt bei aller Geschichtsfestigkeit der Humor nie zu kurz, was die eine Stunde Führung viel zu kurz erscheinen ließ. Wer den Tower genießen möchte, sollte sich einen ganzen Tag Zeit nehmen! Besonders berührt hat mich natürlich der Rasenplatz, das „Tower Green“, an dem ein gläsernes Monument an die erinnert, die hier ihr Leben ließen – allen voran Anne Boleyn und Catherine Howard.

Den Tower in all seiner beeindruckenden Größe und historischen Relevanz wird auf vielen Seiten on- und offline beschrieben, daher von diesem deutsche-Burgen-verwöhnten-SCAdian nur so viel:  ich will wieder hin!!!! Die Zeit war viel zu kurz und der Eindrücke viel zu Viele.

Schlussendlich wartete der Flieger aber nicht auf uns und so warten wir jetzt, bis der Drachenwald Kalender uns neue Anreize gibt, die SCA Welt damals und heute zu erkunden, auf dem Festland oder auf den Inseln. Nächster Halt: Edinburgh!

 

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