Was ist die SCA?

 
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Die Society for Creative Anachronism

Mittelalter made in USA

Vermutlich ist der eine oder andere, der auf dieser Seite gelandet ist, zumindest schon einmal über den Namen

Society for Creative Anachronism

oder dessen griffige Abkürzung SCA gestolpert. Aber was verbirgt sich hinter dieser Gesellschaft für kreativen Anachronismus, die auch in Deutschland eine treue Anhängerschaft hat?
In dem folgenden Text, der im LARPZeit – Magazin erschienen ist, beschreibt Aelric euch die SCA aus seiner Sicht.

Battle ready

Die hatten doch gar kein Mittelalter!, höre ich die Leute sagen, wenn ich über den US-amerikanischen Ursprung der SCA spreche. Ich antworte dann immer: Stimmt. Das ist genauso absurd wie Westernstädte in Deutschland …

Vielleicht ist es gar nicht so abwegig, dass eine Bewegung wie die SCA gerade in den USA entstanden ist – an einem Ort, wo das Mittelalter weder in irgendeiner Form präsent noch politisch oder ethisch belastet ist.

Die späten 1960er Jahre, in denen die SCA entstand, waren eine Zeit des Umbruchs, die Zeit der Hippies, der Protest- und Alternativbewegungen. Materialismus und gesellschaftliche Enge führten zu der typischen Sehnsucht nach anderen Werten, die auch heute noch oft den Ursprung für die Faszination von Rollenspiel, LARP und Mittelalter-Szene ausmacht.

Und wie so oft begann alles ganz klein: An der Universität von Berkeley in Kalifornien lebten Anfang des Jahres 1965 eine Gruppe Studenten der Englischen Literatur in einer Wohngemeinschaft zusammen. Unter ihnen die spätere Autorin Diana L. Paxson. In ihren Vorlesungen hörten die Studenten von The Last Tournament, einer Veranstaltung, die 1839 vom Earl of Eglinton, einem Fan der Romane von Sir Walther Scott, geplant wurde, um die Werte des Mittelalters wieder aufleben zu lassen … als Antwort auf die gewaltigen Umbrüche der beginnenden Industrialisierung. Dieses Turnier war damals das gesellschaftliche Ereignis des Jahres: Rüstungen wurden gefertigt, Kostüme und Banner genäht und und und.

Pennsic Prozession

Der Tag begann mit einer beeindruckenden Prozession der Ritter und Damen … und wurde von einem Regenguss vollständig ruiniert. Ein Ereignis, welches das Ende der englischen Romantik markierte.

Fasziniert und inspiriert beschlossen Paxson und ihre Hausgenossen zusammen mit ein paar anderen Freunden, eine Art Miniturnier hinter ihrem Haus zu veranstalten. Es wurde geplant, genäht, trainiert, improvisiert und prominente Gäste als Turnierrichter gewonnen.

Am 1. Mai 1965 fand dieses Turnier dann statt. Die Herren traten teils mit klassischer Fechtausrüstung, aber auch mit Holzschwertern, improvisierter Rüstung an – was auch immer passend schien.

Der Tag wurde ein voller Erfolg: Die angetretenen Kämpfer waren voll bei der Sache. Es wurde hart gefochten und gekämpft und rückwirkend betrachtet ist es fast ein Wunder, dass es keine schwereren Verletzungen gab. Am Ende krönte der Sieger seine Dame zur Turnierkönigin und die verbliebenen Teilnehmer zelebrierten eine kleine Prozession durch Berkeley. Die Beteiligten waren so begeistert, dass sie spontan beschlossen, so etwas bald wieder zu machen – und so begann die Geschichte einer Organisation, die heute rund 30 000 Mitglieder auf fünf Kontinenten umfasst.

Nach Europa kam die SCA durch amerikanische Soldaten, die während ihrer Stationierung in Deutschland nicht auf ihr Hobby verzichten wollten. Mittlerweile ist dieser Anteil aber relativ klein geworden, so dass man durchaus von einer echten europäischen SCA sprechen kann, auch wenn

einige Länder (darunter Deutschland) noch keinen eigenen Vereinsstatus haben und deshalb noch der amerikanischen Organisation angehören.

Struktur

Je nach Region, Tradition und von Spieler zu Spieler ist die SCA immer ein wenig anders, so dass es schwerfällt zu beschreiben, was genau sie ist. Sie ist ein wenig Reenactment, hat ein paar Rollenspiel- und Kampfsportelemente, ist Kostümparty, experimentelle Archäologie, ein Hobby, ein Lifestyle, eine Passion … Vor allem aber ist sie ein internationales Netzwerk von Leuten, die ein Faible für Mittelalter, Renaissance, Romantik, Geschichte und Geschichten haben.

In der Frühzeit der SCA gab es auch ein starkes Fantasy-Element, das aber im Laufe der Zeit in den Hintergrund getreten ist.

Heute gliedert sich die SCA in 19 Königreiche. Das hiesige hat einen deutschen Namen, weil es vor 20 Jahren in Deutschland gegründet wurde: Drachenwald. Seine Grenzen liegen im Norden in Island, im Westen in Irland, im Osten reichen sie bis in den Nahen Osten und im Süden bis nach Südafrika – definiert durch die Orte, an denen Mitglieder unseres Königreichs leben beziehungsweise stationiert sind.

Innerhalb dieses Königreichs finden sich lokale Gruppen, die je nach Mitgliederzahl Grafschaften, Baronien, Fürstentümer und anderes sein können. Die Mitgliederzahlen sind dabei noch relativ klein: Drachenwald hat über Europa verteilt vielleicht 700 bis 800 Mitglieder, der deutschsprachige Raum hat davon etwa 250 bis 300 Mitglieder.

Die lokalen Gruppen halten (Kampf-)Trainings und Workshops ab und treffen sich in der Regel einmal im Monat, um Veranstaltungen zu planen oder Anderes zu besprechen. Sie sind zwar Gebieten zugeordnet, man ist aber als Mitglied nicht unbedingt an seine Heimatgruppe gebunden. Veranstaltungen sind sowieso immer offen und werden im ganzen Königreich publik gemacht. Somit sind sie immer potentiell überregional und international.

Zeitvertreib

Die SCA kommuniziert mittlerweile nahezu ausschließlich auf elektronischem Wege. Die Organisation selbst und die einzelnen Königreiche publizieren Newsletter und unterhalten Webseiten, auf denen neben dem Veranstaltungskalender auch viel Nützliches und Wissenswertes angeboten wird. Das Gleiche gilt auch meist für die lokalen Gruppen. Menge und Qualität der Inhalte sind natürlich enorm unterschiedlich, jedoch ist es fast unmöglich, im englischsprachigen Internet nach Quellen zum Mittelalter, zu Ausrüstung oder Ähnlichem zu suchen, ohne nach kurzer Zeit auf eine Webseite zu stoßen, die irgendeinen Bezug zur SCA hat.

Man findet innerhalb der SCA Interessengruppen, Diskussionsforen und oft auch erstaunliches Expertenwissen zu nahezu jedem Aspekt des Mittelalters. Die Amtssprache der SCA ist Englisch und diese Sprache ist natürlich auch für die Kommunikation eines europaweiten Königreichs unumgänglich. Innerhalb der lokalen Gruppen wird aber meist Deutsch gesprochen, so dass die Sprachbarriere mittlerweile kein Problem mehr darstellt.

Easy going

Entspannung

Was die SCA von der Mittelalter-Szene unterscheidet und mit dem LARP verbindet ist, dass wir kein Mittelalter verkaufen und den Fokus nicht unbedingt auf die authentische Darstellung legen müssen. Obwohl die SCA in Europa mittlerweile den Standard vieler Mittelaltermärkte meist leicht erfüllt, besteht dafür an sich keine Notwendigkeit. Deshalb ist auch der Einstieg sehr leicht. Falsches Material und sehr freie Interpretation führen nicht dazu, dass jemand die Nase rümpft oder man ständig auf den Fehler angesprochen wird. Man spielt einfach mit und findet vielleicht im Laufe der Zeit eine bessere Lösung, aber jedenfalls immer jemanden, der einem gerne hilft, sich weiterzuentwickeln, sofern das gewünscht wird.

Die SCA hat sich auch heute noch größtenteils das typisch amerikanische easy going bewahrt, das Vieles nicht so eng sieht, solange man sich nicht grob daneben benimmt und bereit ist, ihre Traditionen zu respektieren. Man hat immer die Freiheit, etwas nicht so ganz Authentisches zu machen, auch mal Klischees zu bedienen oder einfach Blödsinn zu machen.

Das Spiel

Das Spielen findet in der SCA auf Events statt, zu denen die lokalen Gruppen einladen. Diese Events dauern meist von Freitagabend bis Sonntagvormittag und sind in der Regel ohne Publikum. Die Ausnahme bilden sogenannte Demos, bei denen sich die SCA (auch innerhalb einer anderen Veranstaltung) darstellt. Events haben immer ein Thema – sie können vom reinen Treffen mit Festessen, Lehr- und Lernveranstaltungen, über Turniere oder Kriege bis zu Questen-Spielen alles Mögliche sein. (Zu den Events wird es in einer späteren LARPzeit noch einen separaten Artikel geben.)

Ähnlich wie im LARP erschafft man sich einen Charakter. Dieser soll traditionell im Europa oder Nahen Osten der Zeit vom 6. bis zum 17. Jahrhunderts angesiedelt sein, wobei es ein paar geduldete Ausnahmen wie Samurai gibt, deren Akzeptanz wahrscheinlich Relikte aus der Frühzeit der SCA sind. Inwieweit diese Persona ausgearbeitet wird, ist jedem selbst überlassen, denn abgesehen von der individuellen Darstellung hat sie an sich keinen Effekt.

Hofhaltung

Entsprechend ihrem Ursprung findet das Spiel der SCA immer in einem höfischen Umfeld statt. Darin bewegen sich Edelbürtige verschiedener Ränge und Positionen. Titel werden durch die Krone verliehen oder man erwirbt sie durch besondere Verdienste und/oder Fähigkeiten. Während König und Königin Hof halten – sie also offiziell von ihrem Hofstaat umringt auf ihren Thronen sitzen – verleihen sie zum Beispiel Personen das Recht, ein Wappen zu tragen; Sie ernennen Edeldamen und -herren zu Mitgliedern von Orden oder nehmen sie in den Hochadel auf. Die Auswahl erfolgt dabei überwiegend auf Basis von Empfehlungen, die ihnen von Seiten ihres Volkes zugetragen werden.

König und Königin selbst regieren in Drachenwald für sechs Monate. Wer das nächste Königspaar sein wird, entscheidet sich auf einem Turnier, das jeweils in der Mitte der Regierungszeit ausgetragen wird.

Die Tradition der SCA, bei der der Fokus auf Ehre, höfischer Kultur und so weiter beruht, sorgt natürlich für eine gewisse Limitierung des Spiels. Da aber das Spiel in der SCA eher als Rahmen empfunden wird, ist auch das nicht so relevant.

Eines der spektakulärsten Dinge in der SCA ist wohl ihr einzigartiges Kampfsystem, das es ermöglicht, den Kampf mit mittelalterlichen Waffen relativ realistisch und trotzdem mit höchsten Sicherheitsstandard nachzuempfinden – und das mit überschaubarem finanziellen Aufwand. Dabei können unterschiedliche Szenarien und Situationen simuliert und Techniken entwickelt werden, so dass es mir richtig erscheint, dieses Kampfsystem als echten Kampfsport (oder auch als Kampfkunst) zu sehen. (Auch hierzu wird es in der nächsten LARPzeit einen gesonderten Artikel geben.)

Kreatives Experimentierfeld und Gartenparty für Nerds

Was ist jetzt also die SCA? Sie ist kein Mittelalter-Verein im eigentlichen Sinne. Sie ist kein LARP. Sie ist keine Living History. Wann immer man die SCA mit einem derartigen Anspruch betrachtet, wird sie vollkommen durchfallen.

Sie ist eine in 50 Jahren gewachsene Struktur, die ihr Erscheinungsbild den jeweiligen Bedürfnissen ihrer Mitglieder möglichst anpasst und gleichzeitig versucht, eine gewisse Kontinuität zu wahren.

Reigen

Sie ist außerdem eine grandiose Ansammlung von Nerds, die sich für das Mittelalter begeistern und von denen ein hoher Anteil experimentelle Archäologie betreibt, ernsthaft forscht, Handwerke erlernt, künstlerisch tätig ist und so weiter.

Sie ist aber auch eine vollkommen aus den Fugen geratene Gartenparty, in der man die Ursprünge unter Umständen noch finden kann. Ich selbst habe 2009 bei meinem Besuch des Pennsic War 38, der größten SCA-Veranstaltung weltweit, mit einem Teilnehmer des oben beschriebenen ersten SCA-Turniers gesprochen, der immer noch spielt. Diana Paxson besucht heute noch hie und da ein Event und kann es wahrscheinlich kaum fassen, was aus ihrem Baby geworden ist.

Mitmachen

Die SCA ist sicher kein Hobby für Jedermann. Wer das Flair von Mittelaltermärkten mit seinen Buden und Livebands sucht, wird es nicht finden. Aber ein Bardic Circle, wo alle Geschichten und Lieder einbringen können, kann schon etwas Magisches sein, das es auf derartigen Märkten in der Form eher selten gibt.

Wer Abenteuer in düsteren Dungeons erleben oder sich mit Fabelwesen anlegen will, wird sich wahrscheinlich ebenso langweilen. Wer aber besondere Momente, die sich trotz eines oft gar nicht so perfekten Umfelds überraschend echt anfühlen, und besondere Menschen sucht, mit denen er sie teilen kann, der ist in der SCA gut aufgehoben.

Pennsic Battle

Es stellt sich natürlich die Frage, wieso die SCA überhaupt für (Live-)Rollenspieler interessant sein könnte. Nun, zum einen spricht dafür, dass ein großer Teil ihrer Mitglieder aktive oder zumindest ehemalige Rollenspieler sind, so dass man davon ausgehen kann, dass sich diese bei uns wohlfühlen. Zum anderen bietet die SCA durchaus eine ganze Menge Aktivitäten und Informationen, die für Fantasy- und Mittelalter-LARPer interessant und nützlich sein könnten. Letztlich geht es uns natürlich darum, Mitspieler zu bekommen, die sich für unsere Sache begeistern, Aufgaben übernehmen und uns auch auf der Orgaseite unterstützen. Aber wir freuen uns auch immer über Gäste und Freunde, die uns besuchen und sich in unserer Welt wohlfühlen.

Wenn ihr jetzt Lust bekommen habt, bei uns vorbeizuschauen, könnt ihr hier nach einer Gruppe in eurer Nähe suchen.