Kunst und Handwerk in der SCA

 
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Kunst und Wissenschaft in der SCA – viele Leute, viel Wissen?

Die Frage aus der Überschrift würde ich natürlich nicht pauschal mit ‘Ja’ beantworten, aber in gewisser Weise trifft es schon zu: In einer Gruppe von fast 30 000 Menschen, die sich alle mehr oder weniger in mittelalterlichen Kontexten bewegen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man zu mittelalterlichen Themen einiges an Wissen finden kann.

Wenn sich diese Gruppe dann noch den Erwerb und die Verbreitung von Wissen als einen Hauptschwerpunkt gesetzt hat, dann erhöht sich diese Wahrscheinlichkeit noch mehr.

Somit stellt die SCA als Netzwerk einen gigantischen Wissenspool dar, ohne dieses Wissen jedoch auf die Gemeinschaft zu beschränken. Die SCA als im Grundsatz immer ‘offene’ Gesellschaft teilt dieses Wissen gerne. Das (insbesondere englischsprachige) Internet ist voller Webseiten, die von SCA-Leuten unterhalten werden – teilweise ohne dass man es ihnen ansieht.37921_1628891491735_5890138_n

Als Teil der SCA-‘community’ ist es natürlich noch einfacher, an dieses Wissen heran zu kommen. Zum Einen deshalb, weil man seine Kontakte nutzen kann, um direkt an eine Person mit Expertise verwiesen zu werden, die man dann konkret fragen kann. Zum Anderen aber auch, weil solche Personen auch aktiv sind und im Rahmen der SCA-Veranstaltungen Klassen und Workshops anbieten. Natürlich findet man nicht zwangsläufig immer das, was einen interessiert, aber nicht selten entwickeln sich durch eine Klasse oder einen Workshop, den man ‘halt mal’ besucht, ganz neue interessante Tätigkeitsfelder. Manchmal stellt sich auch heraus, dass ein Teilnehmer der Klasse selbst schon enorm viel Ahnung hat und es entwickelt sich daraus ein reger Austausch zwischen ‘Lehrer’ und ‘Schüler’, der zu neuen Entwicklungen führt.

Erwähnenswert sind auch die vielen von SCA-lern ins Leben gerufene Interessen- und Diskussionsgruppen in sozialen Netzwerken, die eine beständige Quelle von interessanten Inhalten darstellen.DSCF3422-1

Das Alles gibt es natürlich nicht nur in der SCA, sondern man findet es überall im Mittelalter-Hobby. In der SCA ist es aber Programm und es gibt Strukturen, die diesen Austausch bewusst fördern:

Auf lokaler Ebene:

Viele lokale Gruppen halten regelmäßig sogenannte: A&S – meetings. A&S steht für Art & Science – Kunst & Wissenschaft. (Die englischsprachigen Bezeichnungen sind oftmals eher Teil der Tradition und einfach weniger sperrig. In Deutschland ist die SCA auch überwiegend deutschsprachig.) Der Name ist etwas hochtrabend, geht es doch mehr oder weniger darum, gemeinsam etwas zu erlernen, zu bauen, Neulingen zu helfen usw. Auf lokaler Ebene sind die SCA-Gruppen anderen Mittelalter- oder LARPgruppen sehr ähnlich. Sie lagern zusammen, brauchen Ausrüstung, Mobiliar, Dekoration und andere Dinge, die Atmosphäre schaffen und das ‘Spiel’ interessant machen. Dieses Material will geschaffen und erhalten werden.

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Auf Königreich – Ebene:

Der wohl bedeutendste Beitrag zum A&S Bereich auf der Königreich-Ebene ist die sogenannte ‘University’. Diese Veranstaltung findet einmal im Jahr statt und ist ganz dem Lehren und Lernen gewidmet. Für diese Veranstaltung können sich lokale Gruppen aus dem ganzen Königreich als Veranstalter bewerben. Den Zuschlag erhält die Gruppe mit den besten Bedingungen was Ort und Infrastruktur angeht. Steht der Ort einmal fest, so bemüht sich der ‘University Chanceler’ ein speziell dafür eingeführtes Amt, Lehrer für den Event zu finden. Die ‘University’ ist eine hochkarätige Veranstaltung, auf der man viel erfahren und lernen kann.

Als 2. wichtiges Element möchte ich den ‘Königlichen A&S Champion erwähnen. Wer diesen Titel gewinnen will, muss über den Zeitraum eines Jahres in verschiedenen vorgegebenen Bereichen Beiträge zu A&S Wettbewerben einreichen, die im Rahmen größerer Events statt finden. Die Objekte, Performances usw. werden bewertet und die Ergebnisse festgehalten. Am Ende des Jahres wird dadurch ein Sieger ermittelt und gekürt. Ziel des Ganzen ist sicher nicht, einen Titel zu schaffen, mit dem sich jemand brüsten kann, sondern Kunst, Handwerk und 271125_2210454630450_1796339_nWissen eine Bühne zu geben. Leute sollen motiviert werden, nicht im stillen Kämmerlein nur für sich Gr0ßartiges zu schaffen, sondern ihre Werke zu teilen – damit Andere an dem von ihnen erreichten Teil haben können und sie gleichzeitig die Anerkennung erhalten, die sie verdient haben.

Der 3. Aspekt sind die vom Königreich betriebenen Medien:

Je nachdem, wie aktiv sie sind und wie groß ihre Population, unterhalten Königreiche auch umfangreiche Webseiten, auf denen neben allerlei Wissenswertem über das Königreich selbst, auch A&S spezifische Beiträge und Linklisten publiziert werden.

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Auf SCA – Ebene (Weltweit):

Hier sind vor allem die von der SCA unterhaltenen Publikationsmedien zu nennen. Dazu gehört der ‘Complete Anachronist’, der ausschließlich Artikel zu A&S spezifischen Themen enthält, als auch ‘Tournaments Illuminated’, was ein Magazin ist, welches neben allgemeinen SCA Themen auch immer wieder Artikel aus dem Bereich Kunst und Wissenschaft enthält.

Auf der Spielebene:

Innerhalb der SCA gibt es so etwas wie einen ‘Ritterschlag’ für Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten im Bereich A&S. Der sogenannte ‘Order of the Laurel’ ist dem ‘Order of chivalry’ (den Rittern) an Rang und Prestige gleich gestellt. Die Mitglieder tragen Titel wie ‘Meister'(‘Master’) oder ‘Meisterin’ (‘Mistress’), wobei die Träger ihren Titel entsprechend ihrer Präferenz und ‘persona’ selbst wählen können. Die Aufnahme in den Orden erfolgt nach einem ähnlichen Ritual wie der Ritterschlag und die Annahme dieser Ehre verpflichtet den/die Meister(in) auch dazu, als Vorbild zu fungieren, zu lehren und auszubilden.DSCF0009

Ähnlich wie Ritter Knappen annehmen, um sie auszubilden, wählen sich ‘Meister(innen) ‘Lehrlinge’ (‘Apprentices’), die sie fordern, fördern und ausbilden. Auf dieser ganz persönlichen Ebene entstehen oft extrem fruchtbare Arbeitsgemeinschaften – nicht nur dort, wo es darum geht, Wissen zu teilen, sondern auch ganz besonders dort, wo für größere Aufgaben Teams gebildet werden müssen.

Was genau versteht man unter A&S in der SCA?

A&S kann bei uns fast alles sein, Kochen sowohl auf modernem Equipment für große Mengen Mäuler als auch in DSCF4163der “schicken” aber weniger komfortablen Lagerküche – und das nicht nur nach bekannten mittelalterlichen Kochbüchern, sondern auch nach nicht so bekannten Quellen. Auch spätrömische oder nahöstliche Küche wird recherchiert und gekocht. Sticken, Nähen Holz- und Lederarbeiten sind ja auch in der Mittelalter-Szene und im LARP-Umfeld weit verbreitet. Seltener sind Aktivitäten wie Rüstungsbau, Zeltbau, Steinmetzarbeiten, Kalligraphie und Illumination – oder auch das Schmelzen von Glas für (Wiki-) Glasperlen.

Man findet auch Leute, die sich mit Kartographie, Kräuterkunde und Pharmazie des Mittelalters oder dem Leben der Babier-Doktoren beschäftigen. So kann man auf einem Event auch mal jemand treffen, der sich in dem Jahr mit Schönheitsmittelchen befasst hat und Willigen die Haare mit Erbsen-Shampoo wäscht und die Lippen mit Kermesersatzhonig beschmiert.

Man findet Leute, die Messer schmieden und diese Arbeit mit der Eisenerzverhüttung in einem Rennofen beginnen….

Oder man kann ein Kleid auch damit beginnen, dass man sich Schafe hält…

Musik und Tanz sind auch große Themen. Eine vitale Gruppe weltweit vernetzter10462372_10206689665629853_4029332753484587636_nSCAler beschäftigt sich mit der Aufarbeitung von Renaissance Quellen höfischer Tänze aus verschiedenen Europäischen Ländern.

Im Bereich der Musik fördert die SCA spezifische Freiheit nicht nur die Reproduktion historischer Stücke und Aufführungspraktiken sondern schafft auch viel Raum für Eigenkreativität. Das lockere Publikum der Lagerfeuer ist hervorragend geeignet, um Sicherheit zu Vertrauen in die eigenen Performance-Fähigkeiten zu gewinnen, die manchmal sogar außerhalb der SCA Anerkennung finden. Als Beispiel sie hier die kanadische Songwriterin ‘Heather Dale’ genannt, in deren Werdegang sich auch Konzerte in Deutschland finden.

Die Herangehensweise:Irminrats-Markt_ 037

Wie überall anders auch in der SCA ist auch der A&S Ansatz ein offener und pragmatischer. Fehler in Denkweise und Ausführung werden nicht verdammt, sondern es wird eher ein freundlicher Korrekturvorschlag gemacht. Auch wenn jemand nicht korrekt recherchiert oder reproduziert hat, so hat er doch Energie in sein Projekt gesteckt. Diese Energie sollte anerkannt und in neue, bessere, effektivere Bahnen gelenkt werden. Die SCA ist ein ‘Hobby’, in das Leute Zeit investieren weil es Spaß macht. Verdirbt man diesen Spaß, indem man abfällig über das Ergebnis ihrer Arbeit spricht, dann werden sie aufhören. Motiviert man sie, erlebt man manchmal erstaunliche Werdegänge, die am Ende auch hie und da zu außergewöhnlichen Leistungen und beeindruckender Expertise führen.

Auf der anderen Seite führt dieser frische, unverstellte Blick, den ich hier durchaus provokativ als ‘undeutsch’ bezeichnen möchte, dazu, dass aus anderen Regionen andere Denkschulen in den ‘großen Topf’ geworfen werden und dadurch ein ‘geistiger Inzest’ vermieden wird. Manchmal ist es auch durchaus hilfreich, ganz bei 0 anzufangen. Auch in einem ‘falschen’ Prozess können sich Detaillösungen finden, die neues Licht auf Problemstellungen bekannter Denkmodelle werfen.

Die SCA, als ‘Gesellschaft für KREATIVEN Anachronismus’ ist in dieser Beziehung naturgemäß recht offen.DSC00123 Das bedeutet jedoch nicht, dass man Historie erfinden kann. Innerhalb meines eigenen Umfeldes kann ich experimentieren, spielen, faken. Die SCA ‘verkauft’ nicht Mittelalter an zahlende Gäste und MUSS deshalb auch nicht authentisch sein. Sie ist aber bei allem Spaß durchaus ernsthaft. Und deshalb MÜSSEN Objekte, die als ‘authentisch’ eingereicht werden, sehr wohl dokumentiert werden.

In all diesen Künsten sind Reproduktionen/Repliken zunächst einmal das zu Erreichende. Ist die mittelalterliches Technik und Ästhetik erst einmal erschlossen, soll der ‘Meister’ dann auf diesen Grundlagen gerne auch wirklich Neues schaffen. Das schafft Freiräume, die über das bloße Nacharbeiten von Fundstücken wesentlich hinausgehen können.

Nahezu jeder SCAler beschäftigt sich mit irgend etwas, was unter den Oberbegriff ‘Kunst und Wissenschaft’ fällt. Das soll aber natürlich noch lange nicht heißen, dass jeder auch gut darin wäre.

Entscheidend für uns ist das ‘hands on’ – das Beschäftigen mit einer Sache ohne den Druck einer historisch DSCF3585absolut korrekten Darstellung oder Herstellungsweise zu haben. Ein solcher Anspruch kommt auf die Dauer von ganz alleine. Aber oft sind es gerade die Irrwege, oder das ‘Nicht Vorgegebene’, die ein tieferes Verständnis schaffen nicht nur für das ‘Wie?’, sondern auch für das ‘Waum?’

Linkliste:

Hier eine kleine Liste von interessanten Webseiten, die durch SCA-Mitglieder unterhalten werden. Viel Spaß beim Stöbern!

florilegium.org/

sca.org/ca/issues.html

curiousfrau.com/

gluckliche-eme.livejournal.com/?tag=15th+century

renikasanachronisticadventures.blogspot.com
neulakko.net/Rüstungskiste

edythmiller.blogspot.se/

naama.textilverkstad.se/#homewww.florilegium.org/

liadethornegge.livejournal.com/

textiletimetravels.org/

elishevaskitchen.blogspot.se/
dyesnmordants.wordpress.com/

ellipsis.cx/~liana/candi/

manuscriptjunkie.blogspot.de/
jpgsawyer.weebly.com/

magdelena-kitchen.blogspot.de/
lethemboyle.com/

evagrelsdotter.blogspot.fi/

Greydragon.org