Das Kampfsystem der SCA

 
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Eine Frage der Ehre

Das Kampfsystem der Society for Creative Anachronism

(auch dieser Text wurde im LARPZeit Magazin veröffentlicht)

Was tut man, wenn man gerne mittelalterliche Turniere veranstalten möchte, aber keine Vorlagen hat? Kein passendes Equipment zur Verfügung steht und man niemanden fragen kann, der sich damit auskennt? Vor diesen Fragen stand im Kalifornien der frühen 60er Jahre eine Gruppe von Romantikern beziehungsweise Mittelalterbegeisterten, die gerne Ritter spielen wollten. Die Antwort, die sie fanden, war simpel: Man experimentiert.

Die frühen Jahre der SCA sind aus heutiger Sicht nicht mehr einfach zu fassen, aber es scheint, dass man sich von Anfang an gegen den Schaukampf entschied und echten Wettbewerb betreiben wollte. Das Problem dabei war und ist, dass die Verwendung selbst von stumpfen Stahlwaffen immer ein gewisses Risiko beinhaltet – es sei denn, es steht exzellentes Rüstungsmaterial zur Verfügung, was damals nicht der Fall war. Ist man nicht bereit, dieses Risiko zu tragen, muss man wohl oder übel die Waffen verändern und den Kampf reglementieren.

Das Hobby LARP hat, zumindest in den USA und Westeuropa, den Weg eingeschlagen, leichte und weiche Waffen zu verwenden und die Schläge auf ungefährliche Trefferzonen zu begrenzen. Das beruht auf der großen Vielfalt an Kostümen und Charakteren und dem Fokus auf Rollenspiel.

Da die SCA aber immer in erster Linie Ritterkampf simulieren wollte, waren Rüstungen vorgesehen und konnten vorausgesetzt und vorgeschrieben werden, so dass auch die Verwendung von härteren Waffen und die sportlichere Herangehensweise möglich waren.

Ziemlich schnell wurde Rattan als sehr gutes Material für die Waffen entdeckt, da diese Holzart ein relativ geringes Gewicht mit hoher Festigkeit und Flexibilität verbindet. Darüber hinaus hat dieser Werkstoff hervorragende Brucheigenschaften, da durch seine Röhrenstruktur niemals Spitzen entstehen können, denn Rattan zerfasert. Der Nachteil dieser Faserstruktur ist allerdings, dass sich die Schlagflächen der Waffen mit der Zeit in einzelne Faserstränge auflösen und das beschädigte Material wie Sägemehl heraus stäubt – unter Umständen bei einem Kopftreffer leider auch durch die Sehschlitze eines Helmes in die Augen. Deshalb werden Schwerter immer mit Gewebeband (Duct Tape) oder Leder ummantelt.

Parallel zur Entwicklung der Waffen mussten Rüstungen ge- und erfunden werden. Während man heutzutage Rüstungsteile relativ leicht und durchaus erschwinglich beziehen kann, mussten die frühen SCA-Kämpfer ihre Rüstungen selbst herstellen und dabei auf modernes Equipment zurückgreifen oder das Plattnern erlernen. In dieser Zeit waren Rüstungen aus Teppichboden sehr verbreitet. Helme wurden aus aufgeschnittenen Gasflaschen gebaut und man experimentierte auch refolglos mit Army-Stahlhelmen.

Im Laufe von nahezu fünf Jahrzehnten Versuch und Irrtum in Verbindung mit der Dokumentation und Analyse von Unfällen etablierte sich ein Kampfsystem, das nicht nur für den Turnierkampf Mann gegen Mann geeignet ist, sondern auch für Schlachten mit mehr als 1.000 Teilnehmern.

Grundlagen

Das System versucht, bei maximaler Sicherheit möglichst nah an der Realität zu sein. Das betrifft vor allem die Übertragbarkeit der Techniken (Körpermechanik) im offensiven und defensiven Bereich. Als historisches Vorbild, wenn man ein solches bemühen möchte, kann man die Tradition der Kolbenturniere sehen, wie sie zum Beispiel in den Büchern König Renés beschrieben werden. In dieser Quelle zeigen sich spezielle Turnierwaffen für Einzelkampf und auch den Buhurt (Kampf zwischen mehreren Rittern oder Parteien), die aus Holz oder Walbein hergestellt wurden.

Dabei gelten zwei wichtige Grundlagen:

SCA-Kampf ist die Simulation eines ritterlichen Zweikampfs. Alle Kombattanten verhalten sich im Rahmen eines ehrenvollen Miteinanders. Ein Sieg, der nicht ehrenvoll errungen wird, ist nichts wert! Im optimalen Fall entwickelt der Kämpfer Stil und Eleganz, Geschick und Effizienz. Das blutige Gemetzel mit allen Mitteln wird den Kriegsschauplätzen der Gegenwart überlassen.
SCA-Kampf ist Vollkontakt. Das bedeutet, dass jeder Kämpfer immer kontrolliert und beherrscht agieren muss. Die Sicherheit steht an oberster Stelle und deshalb wird auch nichts so intolerant behandelt wie unkontrolliertes oder rücksichtsloses Verhalten.

Waffen und Rüstungen

Waffen werden in der SCA überwiegend aus Rattanholz gefertigt. Kein Teil, das in Kontakt mit dem Gegner kommen kann, darf dabei dünner als 32 Millimeter sein. Soll eine Waffe auch zum Stechen verwendet werden, muss sie mit einer gepolsterten Stechspitze versehen sein, die je nach Waffe einen bestimmten Durchmesser und eine gewisse Nachgiebigkeit aufweisen muss. Am Beginn eines Kampftages wird sowohl die Rüstung jedes Kämpfers, als auch jede Waffe, durch den Marshal überprüft und zur Verwendung freigegeben.

Durch die genaue Festlegung von Benutzungsmöglichkeiten, Material, Dicke und Länge der Waffen wird ein hohes Maß an Sicherheit erreicht. Diese Sicherheit macht es möglich, harte Schläge oder Stiche gegen vitale Körperteile, wie zum Beispiel den Kopf, zu richten, ohne Gefahr zu laufen, ernste Schäden anzurichten.

Alle Teilnehmer im SCA-Kampf müssen Rüstungen tragen. Die Minimalrüstung für alle Kombattanten besteht aus einem Helm, der aus Blech mit einer Mindeststärke von 1,8 Millimetern gefertigt sein muss und Halsberge oder am Helm befestigtem Kettengeflecht. Des Weiteren müssen Knie, Ellbogen und Unterarme, Nieren, kurze Rippen und natürlich der Unterleib geschützt werden. Bei weiblichen Kämpfern kommt noch der Schutz des Brustbereichs hinzu. Außerdem muss jeder Kämpfer entweder Panzerhandschuhe tragen oder an der Waffe befestigte Stahlkörbe (wie bei schottischen Breitschwertern) verwenden.

Dieser Mindeststandard für die Rüstung ist immer zu erfüllen! Die meisten Kämpfer tragen wesentlich mehr Rüstteile, da Schultern und Beine zum Beispiel ein sehr häufig getroffenes Ziel sind.

Unterschiedliche Rüstungswerte gibt es nicht. Aus Sicht des Regelwerks trägt jeder SCA-Kämpfer die gleiche Rüstung: ein Kettenhemd mit kurzen Ärmeln, Arm- und Beinschutz aus gehärtetem Leder und einen offenen Helm über einer Kettenkapuze. Auch wenn ein Kämpfer tatsächlich von Kopf bis Fuß Stahl trägt, ist er im Sinne des Regelwerks nicht besser geschützt als jemand, der die Minimalrüstung trägt. Es sind immer die Fähigkeiten der Gegner, die den Kampf entscheiden – nicht das Equipment.

Gültige Treffer

Gültige Treffer sind der Definition nach solche, die mit so viel Kraft auftreffen, dass sie die SCA-Standardrüstung durchdrungen und Schaden bewirkt haben könnten, wären sie mit einer echten Stahlwaffe geführt worden.

Ein solcher guter Schlag kann normalerweise von jeder erwachsenen Person geführt werden, die über einigermaßen Kraft und brauchbare Körpermechanik, sprich Training, verfügt. Somit hat der blutigste Anfänger gegen die Besten immer eine Chance – wenn sie auch nur klein sein mag.

Die Entscheidung darüber, ob ein Schlag gut genug war, um einen Effekt hervorzurufen, liegt bei dem Getroffenen. Nur er kann entscheiden, wie viel Kraft tatsächlich auf seine Rüstung und seinen Körper eingewirkt hat. Bei dem oft hohen Tempo eines Kampfes wäre es für den Gegner und außen stehende Beobachter schwer zu beurteilen, ob ein Schlag den Helm oder nur die Schildkante getroffen hat. Die Trefferanzeige wird von einem Ehrenkodex geregelt, dessen Einhaltung als elementarer Bestandteil dieses Sports auch sehr ernst genommen wird.

Natürlich kommt es in der Hitze des Gefechts immer wieder vor, dass gültige Treffer nicht wahrgenommen werden oder Kämpfer nicht angemessen reagieren, zu schwer getroffen werden wollen oder Ähnliches. Jedoch lassen sich solche Probleme immer recht gut im Dialog lösen. Das Letzte, was man als SCA-Kämpfer will, ist der Ruf, unehrenhaft zu sein.

Manchmal sind es Besonderheiten der Rüstung, die dazu führen, dass ein Schlag als zu leicht wahrgenommen wird. Deshalb muss jeder Kämpfer seine Rüstung kennenlernen und sein persönliches Empfinden auf sie abstimmen. Ein Treffer mit ausreichender Härte muss immer als guter Treffer gewertet werden – unabhängig davon, ob er auf Stahl oder nackte Haut trifft. Umgekehrt gilt dies auch für einen zu leichten Treffer.

Im Zweifel unterbricht man den Kampf und fragt den Gegner nach seiner Meinung.

Trefferbereich

Der Bereich, in dem gültige Treffer erzielt werden, schließt den ganzen Körper (auch Kopf und Unterleib) oberhalb der Knie ein, mit Ausnahme der Hände und Handgelenke.

Warum darf auf Kopf und Weichteile geschlagen werden, aber nicht auf die Unterschenkel? Der Grund ist recht einfach: Schlägt man in Richtung der Unterschenkel, trifft man sehr schnell die Knöchel. Diese sind empfindlich und ohne Einschränkung der Mobilität schwer zu schützen. Nimmt man die unteren Beine und Füße in den Trefferbereich, ergibt sich sehr schnell ein unschöner Stil. Die Grundstellungen werden sehr tief, Angriffe werden mit weit vorgebeugtem Oberkörper gezeigt und Balance und Ästhetik gehen oft verloren

Die Hände nicht als Ziel zuzulassen, ist sicher einleuchtend, da sie ebenfalls sehr verletzungsempfindlich sind.

Treffer in den ausgenommenen Bereichen sind nicht durch Strafen belegt. Der Getroffene signalisiert den nicht-regelgerechten Treffer mit hand oder low (zu tief) und der Kämpfer, der in den Bereich geschlagen hat, entschuldigt sich. Es gilt als unehrenhaft und Zeichen mangelnder Kontrolle, wenn ein Kämpfer wiederholt zu tief schlägt.

Trefferzonen

Der legale Bereich gliedert sich in drei Trefferzonen, denen entsprechende Verletzungen/Effekte zugeordnet sind:

1. Von der Hüfte abwärts: Beintreffer. Das getroffene Bein gilt als verletzt, der Kämpfer kann es nicht mehr belasten oder bewegen. Er kann also nur auf dem anderen Bein stehen oder, was wesentlich gebräuchlicher ist, auf den Knien weiter kämpfen.

2. Arm bis zur Schulter: Der Arm kann nicht mehr verwendet und muss auf den Rücken genommen werden. Ist der betroffene Arm jener, der die einzige Waffe führt, wird die Waffe entweder in die andere Hand gewechselt oder der Gegner erlaubt, dass die Verletzung auf den anderen Arm übertragen wird, so dass der Getroffene wenigstens mit seiner gewohnten Hand weiter kämpfen kann.

3. Restlicher Körper: Tödlicher Treffer. Der Kampf ist beendet.

Je nach Bauart und Typ können Waffen zum Schlagen und/oder zum Stechen verwendet werden. Stiche gegen den Körper sollen mit positive force geführt werden, also so, dass der Getroffene einen deutlichen Aufschlag spüren kann. Ein Aufsetzen der Spitze und anschließendes Drücken wird nicht akzeptiert.

Da die theoretische Rüstung (die reale nie) einen offenen Helm vorsieht, gelten Schläge und Stiche ins Gesicht (nicht die Seite oder Rückseite des Helms) unabhängig davon, ob sie ein guter Treffer waren, immer als tödlich. Es reicht dafür ein spürbarer Kontakt mit der Waffe – ein sogenannter telling blow.

Der sichere Umgang miteinander

Grundsätzlich ist es verboten, einen wehrlosen Gegner zu treffen. Hat der Gegner keine Möglichkeit mehr sich zu schützen, weil er seine Waffe verloren hat, geht der Kampf nicht weiter. Auch ein Gegner, der gerade stürzt, am Boden liegt oder völlig außer Balance ist, gilt als wehrlos und ihn anzugreifen ist nicht ehrenvoll. Es ist auch nicht erlaubt, den Gegner umzuwerfen, mit dem Schild anzugreifen oder mit etwas Anderem zu attackieren, als mit der korrekt geführten Waffe.

Man darf niemanden angreifen, der sich des Angriffs nicht bewusst ist.

Die Rules of Engagement legen fest, wie die Kampfsituation hergestellt wird, die den Austausch von Schlägen möglich macht, wie sie endet und so weiter. In einer Eins gegen Eins-Turniersituation sind solche Regeln eher zu vernachlässigen, aber wenn große Einheiten in unübersichtlichem Terrain gegeneinander vorgehen und lange Waffen wie Hellebarden und Speere im Einsatz sind, sind sie für die Sicherheit der Beteiligten enorm wichtig.

Es muss gewährleistet sein, dass Sportler, die an diesem Kampfsport teilnehmen, die Regeln kennen und verstanden haben. Des Weiteren muss gewährleistet sein, dass sie in der Kampfsituation unter Adrenalin und Stress nicht zu einer Gefahr für sich und andere werden. Deshalb muss man für jede Waffenkombination, die man benutzen möchte, einen Autorisierungsprozess durchlaufen, bevor man sie einsetzen darf.

Eine Autorisierung besteht aus einem theoretischen Teil, in dem der Marshal überprüft, ob der Kämpfer die allgemeinen und waffenspezifischen Regeln kennt, und einem praktischen Teil, in dem der Marshal als Gegner für den Neuling fungiert. Durch das funktionierende und permanent weiterentwickelte Regelwerk und dessen konsequente Durchsetzung ist SCA-Kampf eine relativ sichere Sportart. Natürlich gibt es immer wieder kleinere Verletzungen wie blaue Flecken, Verstauchungen und auch Brüche, aber wirklich schwere Verletzungen sind in der fast 50-jährigen Geschichte der SCA so gut wie nie vorgekommen.

Kampfszenarios:

Innerhalb des SCA-Systems kann man alle möglichen Szenarien kreieren. In den Turnieren etwa gibt es Formate, bei denen sich der Gewinner den Sieg entweder erkämpft oder solche, bei denen nicht Gewinn oder Verlust der Kämpfe, sondern ehrenhaftes Verhalten, Auftreten im Allgemeinen oder Unterhaltungswert entscheiden. In diesem Fall wird der Sieger vom Publikum, einer hochgestellten Person oder auch den teilnehmenden Kämpfern gewählt.

Abseits der Turniere können auch Feld- oder Kriegsszenarien simuliert werden. Hierbei spielen Teamwork, Manövrierfähigkeit und Strategie eine große Rolle. Dabei kommen auch Regelvariationen zum Einsatz, die zum Beispiel vorgeben, wie viel Platz man hat, ob man mehrere Leben zur Verfügung hat, wie die Kämpfer der Einheit bewaffnet sind und so weiter. Daraus ergeben sich immer wieder ganz neue Situationen. Hierfür in einer Einheit zu trainieren, zu funktionieren, zu siegen oder sie zu kommandieren, ist eine ganz eigene Erfahrung.

Fazit

SCA-Kampf ist natürlich kein realistischer mittelalterlicher Kampf mit entschärften Waffen. Die Schilde sind per se unzerstörbar. Sie können auch den Schlag einer beidhändig geführten Hellebarde erfolgreich blocken – ein Experiment, das mit einer echten Stahlwaffe besser vermieden werden sollte. Tritte, Würfe, Hebel, Schläge mit Knauf und Parierstange sind verboten.

Des Weiteren stellt sich die Frage, ob die härtesten Schläge wirklich gegen reale Rüstungen Schaden anrichten könnten.

Aber es ist ein funktionierendes System, das als echter Kampfsport oder als Kampfkunst betrachtet werden kann. Es fügt sich nahtlos in die Liste der anderen Systeme ein, die sich mit mittelalterlichem Kampf beschäftigen. Stahl, Rattan, Latex, Spiel, Sport, Forschung … am Ende ist es keine Frage der Ernsthaftigkeit, sondern des Fokus.

SCA-Kampf kann man als normales Hobby betreiben und doch fühlt er sich extrem realistisch an. Der Kämpfer gewinnt ein tiefes Verständnis für die Mechanik mittelalterlicher Waffen, schult Balance und Körperbewusstsein. Der Aufwand ist vertretbar und der Kampf ist in Anbetracht der Tatsache, dass man sich gegenseitig schlägt, sehr sicher. Und das Wichtigste ist: Es macht jede Menge Spaß.

Ganz am Ende soll nicht unerwähnt bleiben, dass es neben dem hier beschriebenen Kampfsystem – dem Heavy fighting – noch das sog. Light fighting gibt. Dieses ist in der Tradition des Renaissance Fechtens mit leichter Klinge mit scharfer Spitze und somit dem modernen Fechten verwandt. Es kommen moderne Rapier – Klingen und moderne Schutzausrüstung zum Einsatz.

Daneben gibt es mit dem Youth combat eine Möglichkeit für Minderjährige, das Heavy fighting zu simulieren. Anstatt Rattan werden Polsterwaffen verwendet und die Anforderungen an das Schutzequipment sind nicht ganz so hoch.

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